Ich-bin-Worte des Johannesevangeliums

In den nächsten Betrachtungen sollen uns die sogenannten „Ich-bin-Worte“ des Johannesevangeliums begleiten. Warum sind sie so wichtig? Uns sollte es heute wohl nicht schwer fallen, solche Selbst-Inszenierungen Jesu gelten zu lassen, da wir uns ja auch ständig selbst inszenieren. Wir bestimmen mit aller Selbstverständlichkeit, was wir sein wollen, machen Selfies und laden sie hoch… Warum soll sich Jesus da nicht hinstellen und sagen: Ich bin Brot, Licht, Tür, Hirt, Auferstehung, Weg, Wahrheit und Leben? Diese Selbstaussagen Jesu wurden einst in die „Netzcommunity“ der Heiligen Schrift „hochgeladen“, in den Kanon der Bibel. Aber – sind das wirklich bloße „Selfies“? Wollte Jesus uns sozusagen Bilder von sich schicken, wie wir sie uns gegenseitig schicken, in Erwartung unserer likes?

Brot, Licht, Tür, Hirt, Weg, Wahrheit, Auferstehung, Leben – das ist doch elementares Leben! Ohne Nahrung und Licht können wir nicht leben, und ohne dass uns eine Tür, ein Lebensweg eröffnet wird, auch nicht. Führung und Geborgenheit, im Bild des Hirten zusammengefasst, gehören ebenso elementar zu unserem Leben. Auf Wahrheit können wir genau so wenig verzichten, so relativistisch sie heute auch dargestellt werden mag. Wir müssen uns darauf verlassen können, dass das, was uns als gut und lebensfördernd angeboten wird, auch wahr ist.  Und Auferstehung! Auferstehung aus den vielen Scherbenhaufen, die wir erleben, Auferstehung an jedem Morgen nach dem Schlaf der Nacht, Auferstehung nach dem letzten Trümmerhaufen, dem Tod.

Nein, es greift zu kurz, Jesu „Ich-bin-Worte“ als oberflächliche Selbstinszenierungen zu sehen. Jesus wollte uns damit Leben schenken – sich selbst, nicht ein bloßes „Selfie“. Und die Einleitung „Ich bin“ ist sehr bewusst gewählt. Sie erinnert an die Selbstoffenbarung Gottes im Alten Testament: „Ich bin der Ich-bin (da)“. Das war alles andere als ein „Selfie“ Gottes, das man womöglich noch beliebig bearbeiten kann. Das war kein zu speichernder (oder zu löschender) Gott. Das war Zusage: Weg, Wahrheit, Leben. Das war Sendung, Befreiung, Verheißung. Und es bleibt spannend, diesen ICH-BIN kennenzulernen, der nichts anderes ist als das, was er eben IST und als solcher auch DA IST, während wir ständig unsere Selfies bearbeiten, verschicken und mit unseren Gedanken und Wünschen überall herumstreunen, nur nicht in uns selbst sind.

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Komm!

Der Geist und die Braut aber sagen: Komm! Wer hört, der rufe: Komm! Wer durstig ist, der komme. Wer will, empfange umsonst das Wasser des Lebens. (Offb 22,17)

Nach längerer Pause setzen wir heute unsere Betrachtungen über wichtige Aussagen aus der Apokalypse fort.

Bei den bisherigen Aussagen, die ich wählte, war es Jesus Christus, der sprach, der ermutigte, herausforderte, tröstete – und immer wieder mit den Worten „Ich bin“ auf den Namen Jahwe hinwies, ja sich mit diesem Namen identifizierte, wie der erfahrene Bibelleser leicht merken kann. („Fürchte dich nicht, ich bin es, der Erste und der Letzte…“, „Ich bin das Alpha und das Omega…“, „Siehe, ich komme bald…“, „Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids…“, „Ich bin der strahlende Morgenstern…“)

Heute haben „der Geist und die Braut“ das Wort und sprechen ähnlich einladend. Der Geist und die Braut – wer ist das? Der Geist, das ist natürlich der Heilige Geist, Gottes Geist, den wir als die Dritte Person der Dreifaltigkeit anbeten, die Liebe in Person, die „Vater“ und „Sohn“ verbindet und sich in unsere Herzen ergießt. Und die Braut? Das ist die Kirche, in der diese göttliche Liebe, der Heilige Geist, wirkt. Das heißt natürlich nicht, dass die Kirche perfekt ist, dass nur Liebe in ihr wirkt. Es heißt nur, dass Gottes Geist in ihr wirkt – wenn auch daneben mancher Ungeist immer noch in ihr tobt, der aus heidnischen Resten im Denken, Erinnern und Wollen stammt. Dann denkt man sich seine eigene Welt zurecht, klebt an alten Verletzungen, will mit dem Kopf durch die Wand…  und übertüncht alles fromm. Das ist nicht der Geist Gottes, sondern ein Ungeist (schreckliches Wort).  Aber auf „Ungeister“ brauchen wir ja nicht zu hören.

Sie beide, der Geist und die Braut in ihrem Glauben, Hoffen und Lieben, rufen uns zu: „Komm!“

Wie im Stereo werden wir also gerufen. Oder im Kanon. Und wir setzen den Kanon fort. Oder noch besser: die Fuge. Denn ein Kanon dreht sich immer nur im Kreis, aber eine Fuge hat ein Ziel. Interessant, dass die Apokalypse nicht dazu aufruft, nach dem Hören des Rufes direkt aufzuspringen, sondern dazu einlädt, sich erst umzuschauen, ob wir nicht den Ruf gleich an andere weitergeben und vielleicht sogar jemand mitnehmen können. Ähnlich war es ja auch bei der Berufung der Apostel. Zuerst wurde der Apostel Andreas von Jesus angesprochen. Dieser hörte es und sagte es seinem Bruder Petrus weiter, der hörte auch und rief es wieder einem anderen zu u.s.w.  So entstand und wuchs ganz organisch die Gemeinschaft der Gläubigen, die Kirche.

Wer bei Facebook ist, kennt die Funktion „gefällt mir“, mit der man das, was einen anspricht, direkt markieren, weitergeben, andere darauf aufmerksam machen kann. „Liken“ nennt man das inzwischen auf „Denglisch“. Na ja, man braucht sich mit dem Ausdruck nicht anzufreunden. Aber die Sache entspricht einem tiefen Bedürfnis in uns: dem Bedürfnis nach Mitteilung, nach Teilen, nach Gemeinschaft. Wenn alle, die überzeugt das Evangelium leben und an der Eucharistiefeier teilnehmen, es schaffen könnten, auch nur eine Person, die sie für offen halten, am nächsten Sonntag zum Mitkommen zu bewegen, würden zumindest an jenem Sonntag doppelt so viele Menschen die frohe Botschaft hören, Eucharistie feiern und vielleicht eine ganze Reihe von ihnen das Heil ahnen, das Gott uns schenken will – ja, auch durch die Kirche!

Haben wir Mut, dieses „Komm“ weiter zu rufen, diese Fuge durch die Zeiten nach der Inspiration des Geistes gemeinsam weiter zu komponieren. Ich denke gerade: Fuge heißt „Flucht“. Denn die eine Durchführung des Themas jagt die andere. Das Wort „Flucht“ klingt ein wenig negativ, aber das macht die Dynamik der Fuge aus. Das Thema zieht sich durch alle Stimmen, aber nicht gleichzeitig. Mal taucht es im Tenor auf, dann im Alt, dann wieder im Sopran, schließlich fällt der Bass noch ein… In diesem „Jagen“ ist jedoch immer Kontinuität und Gehorsam gegenüber dem Thema, bis die Dynamik in der erweiterten Schlusskadenz ihre Vollendung findet. Ein wirklich schönes Bild für Kirche!

komm –  komm

                     komm – komm

      komm – komm

                                           komm – komm…

Wir müssen unseren Eifer nicht jedem in die Ohren schreien, das würde eher abschrecken. Aber wenn wir spüren, dass ein Mensch sucht, offen und interessiert ist, vielleicht auch leidet und einen Trost braucht, den die Welt nicht geben kann, sollten wir es wagen, dieses „Komm“ ihm weiterzusagen, mit Worten, Gesten, Liedern, Aufmerksamkeiten oder wie auch immer. Im Evangelium heißt es: „Komm und sieh!“ Da wird noch deutlicher, dass der Einzelne zwar deutlich eingeladen wird, aber dann in voller Freiheit kommt, selber sieht und hört, seine Erfahrungen sortiert und Entscheidungen trifft – und vielleicht auch noch andere neugierig macht.

„Proposer la foi“, den Glauben vorschlagen, sagen treffend die französischen Bischöfe… Vorschlagen, noch nicht einmal empfehlen oder gar dazu drängen! Vorschlagen – aber aus ganzem Herzen!

Vielleicht haben wir in diesem Monat die eine oder andere Gelegenheit, das Wagnis des Glaubens vorzuschlagen, in einem wie auch immer ausgedrückten, liebevollen Komm!  – immer wissend, dass Glauben-Können ein Geschenk ist…

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Ich bin der strahlende Morgenstern. (Offb 22,16)

Für den Monat Januar habe ich dieses Wort aus der Apokalypse ausgesucht. Es ist übrigens die unmittelbare Fortsetzung des Wortes vom letzten Monat (Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids.), das uns eher auf das Alte Testament verwies, auf den Ursprung, der Christus letztlich selber ist, während wir jetzt den Blick auf die Zukunft mit Christus richten, zu der alle Menschen eingeladen sind.

An Weihnachten feierten wir, dass Gottes Liebe Mensch wird. Am Epiphaniefest am 6. Januar haben wir gefeiert, dass sie der Welt als solche erscheint, d.h. von den Menschen erkannt wird. Den Menschen geht ein Licht auf, es geht ihnen auf, was da eigentlich geschehen ist!

Die drei Weisen aus dem Morgenland vertreten die heidnische Welt, also die Welt außerhalb des Judentums, zu der die meisten von uns gehören. Damit ist klar: Die Botschaft gilt für die ganze Welt. Und wo sie einmal erkannt wird, ist sie nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

Wenn im Buch der Apokalypse Christus sich selbst als der strahlende Morgenstern bezeichnet, inmitten von viel Dunkelheit, die die Menschen umgibt, dann will er damit sagen: Ihr seid nicht alleine. Ich weise euch den Weg. Ich bin eure Zukunft. Eure Nacht endet nicht im Nichts, nicht im ewigen Dunkel, sondern ICH BIN BEI EUCH und führe euch in einen neuen Morgen.“

Jesus Christus bezeichnet sich hier nicht als strahlende Morgensonne, sondern als strahlender Morgenstern. Warum? Die aufgehende Sonne würde doch besser zu ihm passen, und in der Tat ist Christus ja oft als die „Sonne des Heils“ bezeichnet worden! Nicht umsonst legte man das Weihnachtsfest ausgerechnet in die Zeit der Sonnenwende, wenn die Römer den „Sol invictus“, die unbesiegbare Sonne feierten. Christus wird also mit dieser unbesiegbaren Sonne verglichen. Warum dann hier das so bescheidene Bild des Morgensternes, nicht mehr als ein weißer Punkt am Nachthimmel, der zwar am Horizont strahlt, aber die Dunkelheit noch nicht vertreibt?

Mich erinnert das unwillkürlich an die Eucharistie. Auch wenn wir noch so sehr versuchen, mit glänzenden Strahlenmonstranzen, Kerzen und Blumen „nachzuhelfen“ – diese Art der Gegenwart Christi bleibt höchst bescheiden und „glanzlos“. Sie überwältigt nicht, sie lädt ein. Sie tritt auf unter den Bedingungen unseres Daseins, und lässt uns völlige Freiheit, ob wir uns auf diese Art des Entgegenkommens Gottes einlassen oder nicht. Ob wir seine unfassbare, Leib gewordene Liebe anbeten, die sich tief in unser Wesen einsenkt, oder lieber dabei bleiben, dass wir bloß ein nichtssagendes Stück Brot sehen und weiter unserer Wege gehen, als gäbe es diese Geste Gottes nicht.

Christus begegnet uns in einer Weise, die unsere Realität annimmt. Er sagt uns damit: „Ich bin bei euch, ich gehe mit euch. Ich bin euer Licht, euer Lebensbrot und euer Ziel. Er schaut uns an, aber er blendet uns nicht. Er lädt uns ein, aber er zwingt uns nicht. Er öffnet uns sein Herz, er überstrahlt uns nicht. Er klopft an und lässt sich von uns aufnehmen,  er verschafft sich nicht gewaltsam Zutritt in unser Leben. Das ist der einzige Grund, warum der Weg des Glaubens uns immer so viel Entscheidung abverlangt, oft unter Anstrengung, obwohl wir uns doch eigentlich geborgen wie Kinder und bedingungslos geliebt wissen dürfen. Das Entscheiden ist aber kein einsamer, verbissener Kraftakt, sondern ein Sich-Einlassen, eine Antwort auf sein Klopfen, ein Ausdruck der Freiheit.

Lassen wir uns ein auf eine so zarte Liebe, die dennoch nicht schwach ist, sondern das Potenzial des Urknalls und der Erneuerung der ganzen Schöpfung in sich trägt. Eine ganze Ewigkeit trägt sie in sich ­- ja, sie IST diese Ewigkeit!

 

    

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Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids. (Offb 22,16)

Das Buch der Johannesoffenbarung (oder Apokalypse) wird offenbar nicht müde, dieses Thema aufzugreifen: Jesus der Erste und der Letzte, das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende, die Wurzel und der Stamm. Kein Wunder, denn das Buch richtet sich an Menschen, die Jesus nicht mehr als Mensch erlebt haben. Es sind die ersten  einer unzählbar langen Pilgerschar, die mittlerweile schon zwei Jahrtausende unterwegs ist. Diese Menschen, zu denen auch wir gehören, können längst nicht mehr sagen: „Wie schön war das, als wir mit ihm durch die Gegend zogen!“ „Oder: Ach, ich traf Jesus zufällig bei der Synagoge…“ „Stell dir vor, ich war schwer krank, und er hat mich mit einer bloßen Berührung geheilt!“ Oder auch nur: „Als ich geboren wurde, lebte er noch!“ Oder: „Ich habe seine Mutter kennengelernt – eine faszinierende Frau!“ Nein, diese große Schar muss sich mit der Botschaft zufriedengeben und muss sich immer neu entscheiden, ob sie sie glaubt oder nicht. Allerdings war diese Entscheidung für die Zeitgenossen Jesu nicht weniger fällig –- vielleicht sogar noch mehr, denn das häufige Sehen ihres Nachbarn, Cousins, Freundes, des Sohnes des Zimmermanns aus Nazareth, der plötzlich mit göttlicher Vollmacht redete und handelte, war für sie oft irritierend.

Viele der Menschen in der großen Pilgerschar, die den Zeitgenossen Jesu folgt, kennen durchaus tiefe Begegnungen mit Jesus – – bis heute! -–, aber nicht wie mit ihrem Nachbarn (den sie manchmal vielleicht lieber nicht sehen würden). Ihre Begegnungen mit Jesus erleben sie im Glauben, manchmal überwältigend, manchmal sehr zart und still, oft im nackten Glauben, ohne jedes begleitende Hochgefühl, das wir normalerweise bei einer schönen Begegnung mit einem geliebten Menschen haben.

Nach den Bedrängten, den Durstigen und den Starken – vgl. Betrachtungen der letzten Monate – spricht Jesus hier bei dem Satz  „Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids“ die Judenchristen an, aber nicht nur sie, sondern auch uns alle, die wir uns bewusst bleiben sollen, dass wir in den Ölbaum Israel eingepfropft wurden. Die Pilgerreise, auf der wir unterwegs sind, beginnt nicht erst mit Jesus von Nazareth. Das Volk, in das Jesus hineingeboren wurde, ist lange Zeit vorher unterwegs, geführt von eben diesem Gott, der Mensch wird. Noch mehr: Derjenige, um den es geht, der „Logos“, das Wort Gottes, die Zweite Person der Hlst. Dreifaltigkeit, ist schon vor David „aktiv“ gewesen, ja er war schon damals DA, als der ICH-BIN-DA, und er ist auch jetzt DA und wird in Zukunft und für immer DA sein.

Wenn wir uns diesem Gott, der sich uns aussetzt, im Gebet aussetzen, denken wir daran, dass wir nicht nur als brave Christen des 21. Jahrhunderts vor ihm sitzen oder knien, sondern auch als Sprösslinge des in den uralten Ölbaum eingepfropften Zweiges.

Vertrauen wir uns Gottes faszinierendem Heilsplan an, den wir bestenfalls nur erahnen können. Wenn das, was wir bereits ahnen – mit der deutenden Hilfe des Paulus – schon so faszinierend ist, wie faszinierend muss dann erst die Wahrheit sein, wenn wir sie GANZ sehen und begreifen werden!

 

 


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Siehe, ich komme bald

In den kommenden Monaten werden uns Worte Jesu oder Worte an Jesus aus der Apokalypse (Offenbarung des Johannes) begleiten. Die Apokalypse ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln, wobei dieser geläufige Ausdruck auch tatsächlich von der siebenfach versiegelten Buchrolle stammt, die in einer der dort geschilderten Visionen vorkommt. Bei so viel Erschreckendem und Irritierendem darin –- jedoch nicht irritierender als das, was heutzutage Tag für Tag in der Zeitung steht –– wird leicht übersehen, dass es ein Trostbuch ist, das angesichts der zweifellos harten Wirklichkeit, die es bildlich darstellt, nur aufrichten, ermutigen, trösten, führen, Hoffnung schenken will. Es ist ein Buch mit viel persönlicher Anrede. Ja, es wird leicht übersehen, dass es außerhalb der Evangelien das einzige Buch der Bibel ist, in dem Jesus uns in direkter Anrede anspricht –- und wir ihn! -–, und das in sehr schönen, bilderreichen Worten. Und es geht wirklich direkt um uns, die wir zwischen Pfingsten und seiner Wiederkunft am Ende der Zeiten unseren Weg gehen. Lassen wir uns in unseren Gebetszeiten von diesen Worten Jesu ansprechen!  


„Siehe, ich komme bald, und mit mir bringe ich den Lohn,  und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht.“ (Offb 22,12

Also doch nicht gratis?? Hier ist doch die Rede vom Lohn! Wir haben doch gerade erst letzten Monat die Einladung Jesu betrachtet, uns „gratis“ aus der Quelle des Lebens trinken zu lassen! Wieso ist jetzt plötzlich von„Lohn die Rede? Hatten wir mal wieder Kleingedrucktes überlesen, wie neulich bei dem letzten Top-Angebot für die Handy-Flat?

Nein, Jesus spart sich nichts Kleingedrucktes“ aus, um es uns hinterher um die Ohren zu hauen.  Er spricht nur verschiedene Menschen an und rührt auch an verschiedene Saiten in jedem von uns. In den beiden letzten Monaten standen in unseren Betrachtungen vor allem die Ängstlichen („Fürchte dich nicht!“) und die Durstigen („Wer durstig ist…“) im Mittelpunkt. Jetzt können sich zunächst diejenigen angesprochen fühlen, die Ressourcen im Überfluss haben, kräftemäßig, materiell oder wie auch immer, die sich gern engagieren und natürlich auch zu Recht ein Ergebnis, einen Lohn“ erwarten, ja sogar diesen positiven Erwartungsstress “ein Stück weit brauchen, um sich ganz einzubringen. Warum auch sollte sich ihr engagierter Einsatz denn nicht lohnen?! Gott hat nichts davon, die Menschen leer ausgehen zu lassen. Sie sollen ruhig bekommen, was ihren Werken entspricht, für die sie sich so eingesetzt haben.

Aber – was ist denn ihr Werk? Ist das wirklich so großartig wie sie meinen? Haben sie nicht vielmehr Grund dafür, dankbar zu sein, dass sie überhaupt so viel leisten können, dass sie im Gegensatz zu vielen anderen geplagten Menschen relativ leicht in der Lage sind, ihre Schuldigkeit zu tun“? Wenn jemand so etwas wie Lob verdient, dann doch Gott, der sie so reich ausgestattet und befähigt hat, und dazu viele ihnen nahestehende Menschen, die sie durch die Art der Annahme, der Erziehung, der Ausbildung, der materiellen Ressourcen so gut auf die eigenen Füße gestellt haben! Natürlich mögen sie selbst nicht wenig dazu beitragen, dass ihr Leben gelingt. Aber sie können es auch! Dass sie es können, ist kaum ihr Verdienst, dass sie ihr Können einbringen, schon. Aber wenn man das eine mit dem anderen vergleicht, ist es ein verschwindend kleiner Verdienst. Während ich diese Zeilen schreibe, denke ich daran, wie viele Menschen es möglich gemacht haben, dass ich heute hier bequem vor meinem Computer sitzen und diese Zeilen schreiben kann. Es ist unmöglich, sie alle und ihre Verdienste“ aufzuzählen. Genau genommen müsste ich fast bis zu Adam und Eva zurückgehen. Demgegenüber ist mein jetziges bescheidenes Tun ein verschwindend kleines Nichts.

In seinem Wert vor Gott entspricht unser Verdienst, auf das wir oft so stolz sind, vielleicht gerade mal -– wenn man da überhaupt Vergleiche anstellen kann – dem zaghaften Lächeln eines Verbrechers, der nach einer fürchterlichen Kindheit, Jugend und kriminellen Karriere im tristen Gefängnis zum ersten Mal in seinem Leben versucht, sich der Realität seines Lebens zu stellen und zu vertrauen.

Dir gebührt Lob, singen wir in unseren Gottesdiensten. Wer wirklich in dieser Haltung lebt und aus ihr heraus sich einbringt, erkennt schnell, wer der eigentliche Grund unserer guten Werke und zugleich ihr „Lohn“ ist: Jesus Christus selbst.

Das eigentliche Werk ist der Glaube, der Ihn erwartet.

Gehen wir in dieser Haltung in unsere Gebetszeiten, vor allem jetzt im November, wo wir besonders an unsre Sterblichkeit erinnert werden. Sterblich wie wir, sind auch unsere Werke. Sie folgen uns zwar nach, wie das Buch der Offenbarung des Johannes in einem sehr schönen Hymnus singt. Aber was uns nachfolgt, ist nicht deren „großartiges Ergebnis“ (was vielleicht gar nicht so großartig ist), nicht die Anerkennung der Menschen, die auf Erden nicht selten das einzige war, was uns im Zusammenhang mit unseren Werken wirklich interessierte und vielleicht sogar einzig motiviert hatte, sondern die Liebe, die wir in jedes noch so unscheinbare Tun investiert haben. Die bleibt.

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Alpha und Omega

Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Wer durstig ist, den werde ich umsonst aus der Quelle trinken lassen, aus der das Wasser des Lebens strömt. (Offb 21,6)

Christus, „der Anfang und das Ende“, bezeichnet sich hier mit dem ersten und letzten Buchstaben des (griechischen) Alphabets: das Alpha und das Omega. Das Wort „Alpha“ ist uns sehr bekannt. Besonders einflussreiche, führungsstarke  Menschen werden heute gern als „Alpha-Tier“ bezeichnet. Sie sind der „Anfang“ einer Bewegung, stehen führend an der Spitze einer langen Reihe. Sie scheinen zu wissen, wo es hingeht. Doch in der Regel wissen sie kaum etwas von dem, was im hinteren Teil der Reihe geschieht. Bestenfalls haben sie in den hinteren Rängen ihre Informanten, die kontrollieren, ob alle brav folgen, damit die Reihe nicht kürzer wird oder gar Abweichler zur Bedrohung werden. Weiter interessiert sie das Ende der Reihe nicht. Jesus aber führt nicht nur an, er geht auch am Ende. Nicht kontrollierend, sondern dienend. Jesus Christus ist der Ursprung und das Ziel des Weges, der Anfang und das Ende der wandernden Schar, der Schöpfungsgeschichte überhaupt, aber er ist auch der Weg selber. Niemanden verliert er aus dem Blick, gerade nicht die Schwachen und Letzten.  

Beim Wort, das wir im letzten Monat betrachtet haben, sprach Jesus die Ängstlichen an, heute spricht er die Durstigen an. Viele von ihnen sind durch ihren übermäßigen Durst zu schwach zum zügigen Gehen geworden und schleppen sich als „Letzte“ dahin. Sie dürfen „gratis“ das Wasser aus der Quelle des Lebens empfangen, aus der sie Kraft zum Weitergehen schöpfen.  

Was ist die Quelle des Lebens? Woraus schöpfen wir Leben? Fangen wir bei unserem natürlichen Erleben an, würde ich sagen: aus der Erfahrung gelungener Beziehung. Das gilt nicht nur für kleine Kinder, die Geborgenheit und Ansprache brauchen, um zu wachsen und sich zu entwickeln. Das gilt auch nicht nur für Verliebte – – die stehen, wie die Kinder, eigentlich erst am Anfang –-, das gilt für alle Menschen, auch für die, die am Liebsten allein sind, wobei „gelungene Beziehung“ ein sehr weites Feld sein kann und nicht ständiger Kontakt bedeuten muss. Es ist schon gar nicht die Anzahl an „Freunden“ bei Facebook gemeint, es ist allein die Erfahrung eines verlässlichen DU und eines bergenden Wir.  

Gelungene Beziehung lässt leben, und zwar sehr gut leben! Sie stillt ein starkes inneres Verlangen nach Nähe, die Freiheit schenkt, nach Freiheit, die Nähe ermöglicht, nach Verlässlichkeit und lebendiger Dynamik. Aber wir kennen auch die schmerzliche Erfahrung, dass Beziehungen wieder einschlafen, verletzt werden und verloren gehen. In der Regel erleben wir es als Entzug von Leben, um so mehr, je echter und gelungener die Beziehung vorher war. Gott bietet uns eine Beziehung an, die von seiner Seite her nicht einschläft -– auch wenn es manchmal so scheint -– , die höchstens von uns, nie aber von ihm verletzt wird, die nie verloren geht, egal, was geschieht. Es ist eine Beziehung, die am ehesten der Beziehung zwischen Eltern und Kindern gleicht. Auch sie ist „gratis“, lässt leben, schenkt Nähe und Freiheit, Verlässlichkeit und Dynamik -– sofern sie einigermaßen ungetübt besteht. Aber selbst die gelungene Eltern-Kind-Beziehung wird von der Beziehung, die Gott zu uns hat, noch weit übertroffen.    

Gehen wir ins Gebet mit dieser Haltung: „gratis“ das Wasser des Lebens empfangen. Nicht als Leistende gehen wir dorthin, sondern als Dürstende –- auch wenn wir den Durst nicht immer spüren, weil wir gerade an etwas „lutschen“ und vom inneren Durst abgelenkt sind. Aber vergessen wir dabei nicht, dass es wirklich um Beziehung geht. Nur sie stillt unseren Durst, nicht irgendeine Erfahrung spiritueller Wellness, als sei Gott so etwas wie ein Ayurveda-Therapeut. Nichts gegen Entspannung, Frieden und Wohlbefinden! Sie können sehr nützlich sein und, richtig dosiert, unsere Aufmerksamkeit wach halten. Aber schenken wir diesem DU Gottes, das sich uns „gratis“ schenkt, auch unsere Aufmerksamkeit „gratis“, ohne jede Art von Berechnung. Auch ohne Anliegen? Die Anliegen stören nicht. Die legen wir ihm ja ans Herz, wie das Wort schon sagt. Überlassen wir das „Gelingen“ ihm – – eben: ohne Berechnung. 

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Fürchte dich nicht!

In den kommenden Monaten werden uns Worte Jesu oder Worte an Jesus aus der Apokalypse (Offenbarung des Johannes) begleiten. Die Apokalypse ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln, wobei dieser geläufige Ausdruck auch tatsächlich von der siebenfach versiegelten Buchrolle stammt, die in einer der dort geschilderten Visionen vorkommt. Bei so viel Erschreckendem und Irritierendem darin–– jedoch nicht irritierender als das, was heutzutage Tag für Tag in der Zeitung steht ––wird leicht übersehen, dass es ein Trostbuch ist, das angesichts der zweifellos harten Wirklichkeit, die es bildlich darstellt, nur aufrichten, ermutigen, trösten, führen, Hoffnung schenken will. Es ist ein Buch mit viel persönlicher Anrede. Ja, es wird leicht übersehen, dass es außerhalb der Evangelien das einzige Buch der Bibel ist, in dem Jesus uns in direkter Anrede anspricht –- und wir ihn! -–, und das in sehr schönen, bilderreichen Worten. Und es geht wirklich direkt um uns, die wir zwischen Pfingsten und seiner Wiederkunft am Ende der Zeiten unseren Weg gehen. Lassen wir uns in unseren Gebetszeiten von diesen Worten Jesu ansprechen!  

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Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, doch nun lebe ich in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt.“ (Offb 1,17)

Das erste Wort, das wir im Monat September betrachten, greift den altbekannten Satz auf, der in der Heiligen Schrift uns so oft begegnet wie kein anderer: FÜRCHTE DICH NICHT!“Schauen Sie sich ruhig ein wenig in der Bibel um, wo Sie diesen Satz sonst noch finden.[1] Lassen Sie sich von Jesu Zuspruch ermutigen. Legen Sie alles, was Ihnen Angst macht, in dieses Wort hinein, in dem Jesus selbst gegenwärtig ist und Sie anspricht.

Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Hier entdecken wir ebenfalls eine Formulierung, die wir von anderen Bibelstellen her gut kennen: „ICH BIN. So stellt sich Gott im Alten Testament vor (Ex 3), so stellt uns das Johannesevangelium Jesus vor, in dem Gott selber als Mensch zu uns gekommen ist. Wie kann jemand sowohl Erster als auch Letzter sein – wenn man nicht gerade Äpfel und Birnen miteinander vergleicht? Das gibt es normalerweise nicht. Was bedeutet es aber, wenn Jesus es von sich sagt? Versuchen wir, uns dem Geheimnis der allumfassenden Liebe, die Gott selbst ist und die Mensch für uns wird, die uns sendet, begleitet und erwartet, anbetend zu nähern.

Ich war tot, doch nun lebe ich in alle Ewigkeit.“Wir sind mitten im Ostergeheimnis. Jesus spricht uns als Auferstandener an, als der, der den Weg durch den Tod bereits gegangen ist. Was löst dieser Satz in mir aus? Wie sehe ich aus dieser Perspektive meinen eigenen Tod und die vielen Tode, die mir mitten im Leben begegnen? Ich meine die vielen Situationen im Alltag, in denen mein Wille, meine Sehnsucht, mein Empfinden, meine Hoffnung, empfindlich durchkreuzt werden… Was bedeutet dieser Satz für unsere heutige Kirche?

Ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt. Ich erinnere mich an befreiende Situationen: Wir stehen vor einer verschlossenen Tür, wollen unbedingt hindurch, aber niemand hat den Schlüssel. Plötzlich kommt einer und ruft halb singend mit klirrender Begleitung: „Ich hab‘ den Schlüssel!“ Ein Aufatmen geht durch die Menge… Wir kennen ausweglose Situationen, Momente, die nach Tod und Unterwelt riechen, Ratlosigkeit und Verzweiflung. Wir kennen Situationen größter Schwäche und Einsamkeit, abgründiger oder hinterlistiger Bosheit, entweder von anderen oder vielleicht auch in uns selbst, und haben das Gefühl: Hier komme ich nicht mehr raus! Das nimmt mir alles Leben! Und dann gibt es natürlich den zu erwartenden leiblichen Tod… Jesus, der das Leben selbst ist, hat die Schlüssel zum Tod. Wieso „zum Tod“? Da wollen wir doch gar nicht hin! Warum nicht „zum Leben“? Ja, natürlich, zum Leben. Aber wenn es heißt zum Tod, klingt da auch Mitgehen durch. Mit uns hindurchgehen. Als der Lebendige steigt Er herab in unsere Abgründe, um sein Licht bis in die letzten Todeswinkel unseres Herzens zu bringen und die Abgründe des Todes in Abgründe der Liebe und Brunnenstuben neuen Lebens zu verwandeln. Lassen wir es zu!

 


[1] Tipp für die, die weder eine Konkordanz, noch ein Bibelprogramm besitzen: www.bibleserver.com. Oben rechts die gewünschte Übersetzung anklicken – in unseren deutschen katholischen Gottesdiensten wird in der Regel die Einheitsübersetzung benutzt –, dann oben in das leere Feld den Satz „Fürchte dich nicht“ schreiben, nebenan OK klicken – fertig! Schon wissen Sie, wo überall dieser Satz vorkommt.

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Erlöse uns von dem Bösen

Die Frage nach dem Bösen gehört zu den schwierigsten überhaupt. Trotz allen Suchens nach Erklärungen, finden wir keine endgültig befriedigende Antwort. Es wäre auch fatal, wenn wir eine zufriedenstellende theoretische Antwort fänden, die keine Fragen mehr offen ließe. Dafür ist das Böse zu ungeheuerlich, zu erschütternd, zu zerstörerisch, zu sinnlos. Andererseits fragen wir ja gerade deswegen! Aber jeder Antwortversuch löst neue Fragen aus. Natürlich hat Gott dem Menschen die Freiheit gegeben. Aber gleich fragen wir weiter: Wo bleibt die Freiheit derer, denen himmelschreiendes Unrecht geschieht? Und erst recht die Freiheit derer, denen man noch nicht einmal Zeit lässt, auf ihr Leid eine persönliche, frei verantwortete, in unzerstörbarer Würde wurzelnde Antwort zu geben, etwa im Mutterleib getötete Kinder oder Menschen, denen bei einem Massaker plötzlich das Leben genommen wird? 

Ich erhoffe keine theoretische Antwort auf die Frage nach dem Bösen, sondern eine praktische: die Erlösung davon. Das Böse ist so absurd, so zersetzend in seiner unaufhörlichen Lüge, so ungeheuerlich, dass es dorthin verschwinden sollte, wo es hingehört: ins Nichts. Es ist meiner Meinung nach nicht wert, „erklärt“ zu werden, auch wenn wir verständlicherweise immer wieder nach Erklärungen suchen. Es hat keine Existenzberechtigung. Daher sollte es überwunden werden, indem wir nicht nach Erklärungen, sondern nach Wegen der Befreiung suchen. Hier kommt dem Versuch, zu verstehen, allerdings schon eine gewisse Rolle zu: Wir versuchen, das Verhalten konkreter Menschen zu verstehen, um sie auf dem Weg der Befreiung nach Möglichkeit zu unterstützen, auch durch unser Gebet für sie. Davon abgesehen, überrascht uns bisweilen auch eigene Bosheit, deren Dynamik wir besser verstehen wollen, um davon frei zu werden.

Genau das erbitten wir im Vaterunser: die Befreiung –- die uns selbst unmöglich ist. Nicht die Gaben Gottes sollen im Nichts verschwinden, nicht die Freiheit soll aufgehoben werden, sondern die Verzerrungen, Verbiegungen, Verkürzungen und Verfremdungen, die Menschen quälen und Gottes Schöpfung gefährden, mögen überwunden werden. Alles soll erlöst, neu geordnet,  ausgerichtet werden auf die Verherrlichung Gottes und das Heil der Menschen hin.

Wenn das so einfach wäre! Gerade weil das Böse nicht „etwas“ ist, wie ein mit Antibiotika zu bekämpfender Bakterienstamm, ist es so schwierig, die Geister zu unterscheiden. Das Böse lässt sich kaum greifen, es ist die Lüge selbst, ein Nichts –- was aber nicht heißt, dass es nicht erschreckend intelligent und zerstörerisch oder auch sehr subtil und kaum wahrnehmbar auftreten kann. Die Verführung kann jeden treffen. Nicht selten trifft sie besonders begabte Menschen -– auch religiös Begabte, die an sich mit Durchblick durchs Leben gehen oder zu gehen meinen. Gerade sie können der Verführung leicht erliegen, weil sie es mehr oder weniger gewohnt sind, sich moralisch gut zu fühlen und von anderen auch so empfunden zu werden. Doch mit einer winzigen Anwandlung des Herzens, der sie nachgeben, können sie sämtliche empfangenen Gaben, selbst die „heiligsten“, auf sich selbst zurückbiegen, auf die eigene Verherrlichung, auf den Rausch an sich selber, anstatt die Verherrlichung Gottes und das Heil der Mitmenschen zu suchen. Äußerlich kriegt das kaum jemand mit, aber innerlich erkaltet allmählich die Liebe. Der betroffene Mensch beginnt, einem gnadenlosen Götzen Fronarbeit zu leisten: dem EGO. Das lebendige Wasser im Innern hört auf zu fließen, es wird zum Eisklotz. Wir können das oft nicht durchschauen, noch nicht einmal in uns selbst, bis die Eiszeit“ im eigenen Herzen uns selber frösteln lässt. Wir sind angewiesen auf die Erlösung durch Gott, um die wir bitten.

Und Er gibt uns seinen befreienden Namen mit auf den Weg: ICH BIN DA. Und zwar ganz. Auch dann, wenn wir in Selbstanbetung oder im Extremfall in Selbsthass erstarrt sind. Dann leidet er um uns und wartet. Er ist die wärmende Sonne, die den Eisklotz im Herzen wieder auftauen lässt. Setzen wir uns dieser Sonne aus, dem ICH-BIN-DA, der sich uns aussetzt! Und wenn das Wasser in uns wieder zu fließen beginnt, vom Ich zum Du, und erneut im Wir sich sammelt, wird Gottes Name in uns und durch uns geheiligt…

Am Ende unserer Betrachtungen über das Vaterunser schließt sich der Kreis. Wir sind wieder auf das Geheimnis von Gottes Gegenwart gestoßen, auf seinen heiligen Namen, der über uns ausgerufen ist. Weil der ICH-BIN-DA, Gottes Gegenwart, immer befreiend, erlösend ist, erst recht dort, wo Er tief in die Materie eingegangen ist, wo seine Liebe Leib und Speise geworden ist im Zeichen des Brotes, deswegen hat unser Beten vor dem Allerheiligsten etwas Befreiendes, Erlösendes. Durch das stille Anbeten seiner Leib gewordenen Gegenwart tragen wir zur Erlösung von dem Bösen bei.

Vater unser, Du ICH-BIN-DA,  Du befreiender Gott, Jesus Christus, Du Feuer, Heiliger Geist, geheiligt werde Dein Name!

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Führe uns nicht in Versuchung

Stünde sie nicht im Vaterunser, so käme uns diese Bitte wohl kaum über die Lippen. Dabei entspricht sie einer tiefen Sehnsucht in uns: in Ruhe den Weg gehen zu können, den wir als gut erkannt haben, ohne durch Versuchungen gestört und schlimmstenfalls in die Sinnlosigkeit umgeleitet zu werden. Aber -– wie kann der Weg von Gott selbst gestört werden? Wie kann Gott in Versuchung führen? Und sollte er es aus irgendwelchen guten Gründen doch tun –- welchen Sinn hätte es dann, ihn zu bitten, es gefälligst zu unterlassen? Dürften wir ihm Vorschriften machen, wie er uns zu erziehen hat? Die Formulierung dieser Bitte erinnert mich an andere geheimnisvollen Sätze der Heiligen Schrift: „Ich bewirke das Heil und schaffe das Unheil.“ (Jes 45,7) Oder: „Gott verhärtete das Herz des Pharao.“ (Ex 14,8). Kann das der Wahrheit entsprechen?

Eine plausible Erklärung, die ich mal hörte, möchte ich hier gern weitergeben: Was Gott tut und gibt, ist immer gut. Es kann nicht seine Absicht sein, das Herz des Menschen zu verhärten und damit Unheil zu schaffen oder Menschen zu versuchen. Aber er hat dem Menschen die Freiheit geschenkt. Gott gibt die Energie für das Gute in das Gefäß der Freiheit und geht damit ein hohes Risiko ein. Im Fall des ägyptischen Pharaos war die Energie wohl Entschlossenheit und Durchsetzungskraft. Dieser wusste sie zwar zu nutzen, aber nicht, um mit wohlwollender Stärke das Volk Israel in Güte ausziehen zu lassen, wie es Gottes Plan entsprochen hätte, sondern um es mit unerhörter Machtbesessenheit krampfhaft festzuhalten und auszubeuten, bis zermürbende Plagen ihn zuletzt zwangen, das Volk loszulassen. Nur weil es Gottes Gabe war, die der Pharao missbrauchte, spricht die Bibel davon, dass Gott das Herz des Pharao verhärtete. Es ist biblische Sprache, wie auch die Bitte, von Gott nicht versucht zu werden, biblische Sprache ist. Normalerweise drücken wir uns außerhalb des Vaterunsers nicht so aus, aber die zunächst befremdende Formulierung kann uns einen wichtigen Hinweis geben für unseren Umgang mit Versuchungen. Ist es nicht tröstlich, dass hinter jeder Versuchung zuerst Gottes Gabe an uns, Gottes Suche nach uns, seine Heim-suchung steht?

Aber noch einmal: Wozu Gott dann bitten, dass er dies lassen soll? Soll Er uns dann besser gar nichts geben und in Ruhe lassen?

Gottes Gabe an uns muss uns ja nicht zur Versuchung oder gar zur Sünde werden. Sie braucht es nicht zu werden, wenn wir unsere Augen gleich auf Ihn richten und die Gabe in den Aufbau des immer kommenden Reiches Gottes investieren. Zum Stolperstein, der uns zu Fall bringt, wird sie uns nur, wenn wir genau diese Bereitschaft verweigern und uns statt dessen auf uns selbst zurückbiegen, um unser bisschen Leben (oder was wir dafür halten) krampfhaft festzuhalten, um die Gabe für die Selbstanbetung zu missbrauchen, was ohne Umkehr schließlich zum Glaubensabfall führen würde. Dass dies nicht geschehe, darum bitten wir, wenn wir beten: Führe uns nicht in Versuchung.

Das Böse an sich gibt es nicht, jedenfalls nicht als eine dem Guten vergleichbare, von Gott geschaffene Größe – auch wenn es sich in erschütternder Weise verselbständigen und hochintelligent auftreten kann. (Die Intelligenz als gute Gabe Gottes wird dann missbraucht, für Böses in Dienst genommen.) Gott kann nur Gutes erschaffen. Das Böse ist immer das verkehrte Gute, die „abgestürzte Größe, wie es Martin Schleske nennt[1], die für eigene abgesonderte Interessen verzweckten Gaben Gottes, die von ihrem Sinn entfremdete Freiheit. Die christliche Tradition spricht ja auch vom Teufel als von einem „gefallenen Engel“und nicht von einem bösen Gott, der dem guten Konkurrenz machen würde. Das wäre Dualismus.

Ja, man kann sagen – so erschütternd das zunächst klingen mag: Auch hinter dem Unheil, das geschieht, steht ursprünglich Gott – nicht in der Absicht, sondern durch die Kraft und Fähigkeit, die er gibt. Er gibt sie zum Guten, aber der Mensch kann sie verkehren, verbiegen, für lebensferne Zwecke missbrauchen. Jede Versuchung stellt uns daher immer wieder neu vor die Frage: Worin will ich Gottes Gaben investieren? Will ich Ihm mein Vertrauen schenken?

Im Taufversprechen beantworten wir eigentlich schon diese Frage, noch ohne die Gaben im Einzelnen genau zu kennen. Je entschlossener wir aus dem Geist der Taufe leben, aus Glaube, Hoffnung und Liebe, umso selbstverständlicher werden wir unsere ganze Lebensenergie in den Aufbau des Reiches Gottes investieren.

Gottes Reich ist in Jesus Christus längst gekommen. Er klopft täglich an die Tür unseres Herzens, um „heimisch“ zu werden in dieser Welt. Nicht immer öffnen wir. Es ist die Verweigerung, die die Liebe in uns erkalten lässt, bis das lebendige Wasser unseres Herzens zu einen Eisklotz erstarrt, der uns immer tauber für Gottes Stimme macht, und wir vom Glauben abfallen wie eine in Eis erstarrte Blüte.

Aber noch ist ja Zeit! Laufen wir zur Tür und öffnen wir einfach! Lassen wir die wärmende Sonne der Liebe Gottes hinein – und das lebendige Wasser des Herzens kann fließen, in die Anbetung und den Lobpreis Gottes, in die Liebe zu den Mitmenschen. Nichts fehlt, nichts staut sich, alles fließt -– auch durch unsere stillen Gebetszeiten hindurch.


 

[1] Martin Schleske, Der Klang. Von unerhörten Sinn des Lebens. München, 2010

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Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Wir stehen im Vaterunser als Bittende vor Gott und blicken auf ihn als Geber. Aber – sind wir in diesem Gebet wirklich nur Bittende? Und ist Gott nur Geber?

In der zweitletzten Bitte vor unserer heutigen, als wir um das Geschehen von Gottes Willen beteten, ersehnten wir den Himmel auf Erden. Die Erde, unser Lebensraum, soll den Himmel widerspiegeln (wie im Himmel, so auf Erden). Auch auf Erden soll geschehen, was im Sinne Gottes ist! Jetzt aber – nach der Bitte um das tägliche Brot, das die Eucharistie einschließt -– sprechen wir das „Wie“ in umgekehrter Richtung: der Himmel soll nun die (verwandelte) Erde widerspiegeln, in die hinein Gottes Liebe sich verleiblicht hat –- jedenfalls den kleinen Flecken Erde, auf dem wir barmherzig sind. (Vergib uns …, wie auch wir … vergeben.) Der unendlich beschenkte Mensch gibt seine freie Antwort: in der Bereitschaft zur Barmherzigkeit gegenüber seinen Mitmenschen.

Gottes Wille, der nichts als LEBEN in Fülle will, hat sich auf Erden verwirklicht – in unserer Barmherzigkeit, besser gesagt: darin, dass Menschen voneinander Vergebung erfahren. Dies löst ein gewaltiges Echo im Himmel aus – Jubel herrscht im Himmel über einen einzigen Sünder, der umkehrt, sagt Jesus bei Lukas, – das zurückschallt und Mauern der Verhärtung niederreißt, weil Gottes Barmherzigkeit nun ungehindert fließen kann. Die lebendige Kommunikation zwischen Himmel und Erde ist wiederhergestellt.

Moment mal –nimmt denn Gott unsere Vergebungsbereitschaft wirklich zum Maß für sein Erbarmen, uns also quasi als Vorbild? Schauen wir genau hin! Unsere Bitte sagt nichts über Gott aus, sie ist und bleibt eine Bitte an ihn. Wir sagen etwas über uns aus: Wir behaupten allen Ernstes, dass wir vergeben -– und bieten diese angebliche Bereitschaft Gott als Maß an für sein barmherziges Handeln an uns. Wir werfen den Ball, aus freier Initiative –- in der Hoffnung, dass er auch wieder zurückkommt! Ist das nicht vermessen? Der „Ball“, den wir werfen, war aber schon geschenkt. Er ist uns sozusagen in die Wiege gelegt worden: die Fähigkeit zur Barmherzigkeit, die Fähigkeit zum Vergeben. Wir sprechen bereits als Beschenkte. Immerhin gingen dieser Bitte andere voraus, auf deren Erfüllung wir bauen. Um ein weiteres Bild zu gebrauchen: Wir halten Gott nicht eine Vorleistung, sondern ein Gefäß hin, das er uns selbst in die Hand gegeben hat, um sein Erbarmen fassen zu können.

Offenbar ist es wichtig, unser Herz grundsätzlich auf Vergebung im Kleinen einzustellen, in unserem eigenen überschaubaren Wirkungsbereich, um uns auf die Wellenlänge der unendlichen Barmherzigkeit Gottes ausrichten zu können. Vergebung ist nicht etwas, es ist nicht nur Schuldenerlass, es ist geheilte Beziehung, es ist Zuspruch! Um ihn zu hören, müssen wir erst die eigenen Stöpsel aus den Ohren ziehen und aufhören, uns an den empörten oder melancholischen Tönen des eigenen Herzens zu berauschen. Wir müssen Herz und Ohr wieder für die Person, für Beziehung öffnen!

 Jesus sieht uns nicht ausschließlich als arme Schlucker, als Bittsteller vor Gott, sondern auch als Beschenkte, als Gebende, als Freunde. Er hat uns reich beschenkt, damit auch wir geben können, nämlich die bedingungslose Liebe, mit der wir geliebt werden, unseren Mitmenschen weitergeben, und darin auch Initiativen ergreifen. So wichtig sind wir ihm –- und der Mensch neben uns!

Gemeint ist nicht, sich alles gefallen zu lassen. Es geht darum, die grundsätzliche Wertschätzung für den anderen immer wieder aufzugreifen, sein Verhalten von seiner Person zu unterscheiden. Der hl. Benedikt drückt es so aus: den Bruder lieben, die Fehler hassen.“Und Mechtilde de Bar hat noch eine Idee: Wenn wir einen Fehler bei einer Schwester bemerken, beten wir für sie, damit sie selbst nicht so unter ihrem Fehler leidet!“ Das ist Wertschätzung! Und es ist gar nicht so schwer.

Ob wir das auch können, wenn wir verletzt sind? Sicher nicht sofort. Aber die Schotten dicht zu machen hilft auch nicht weiter. Wir haben Augen und ein Herz, die sollten immer wieder frei werden für die Person, gerade auch durch das Dickicht mancher Verletzungen hindurch – möglichst vor Sonnenuntergang, rät Benedikt, d.h. bevor es in uns so dunkel wird, dass wir die Person gar nicht mehr sehen können. Es ist wohl anstrengend, und wir sollten uns davor hüten, unsere Gefühle dabei achtlos zu überspringen oder zu verdrängen. Bei besonders tiefen und hartnäckigen Verletzungen können wir ruhig Hilfe annehmen, auch professionelle. Versöhnung ist kein leichtfertiger Spontanakt, es kann schon manchmal ein mühsamer Prozess sein, der Geduld erfordert – nicht zuletzt mit uns selbst. Aber wir können diesen Prozess mit Gewinn für beide Seiten und für unsere Gottesbeziehung durchstehen. Barmherzigkeit Gottes erfahren – dazu  gehören mindestens drei!

Die Bereitschaft zur Vergebung überfordert uns nicht. Aber sie fordert uns ganz.  Nehmen wir in unsere Gebetszeiten die Menschen mit, die uns im Laufe unseres Lebens wehgetan haben, besonders jene, mit denen wir noch offene Rechnungen haben, und beten wir für sie! Lassen wir sie in Gedanken neben uns sitzen vor dem Allerheiligsten, bevor wir weitere Schritte der Versöhnung tun, wo es notwendig und möglich ist!

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Unser tägliches Brot gib uns heute

In der Mitte des Vaterunsers steht die Bitte um das tägliche Brot. Ist diese Bitte nicht zu banal, um ausgerechnet im Zentrum zu stehen? Sollte sie nicht besser ganz am Schluss stehen, getreu der Weisung Jesu: „Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und alles andere wird euch hinzugegeben werden?

Abgesehen davon, dass mit dem täglichen Brot viel mehr gemeint ist als unser tägliches Frühstücksbrötchen und Abendbrot, auch viel mehr als unsere Nahrung insgesamt – es steht für ALLES, was wir zum Leben brauchen –, kann es schon aufgrund der Struktur des Vaterunsers, die ja etwas ausdrücken will, nicht am Schluss stehen, sozusagen als Zugabe nach allen geistlichen“ Bitten, als wäre alles, was mit Materie zusammenhängt, minderwertig. Das wäre nicht im Sinne des Evangeliums.

Die Bitte um das tägliche Brot steht zu Recht im Zentrum dieses wichtigsten Gebetes. Sie holt uns auf den „heiligen Boden“ unserer menschlichen Wirklichkeit im HIER und HEUTE, in der Gott gegenwärtig ist. Sie erinnert uns daran, wie sehr wir Menschen aus Fleisch und Blut sind, die auf vieles angewiesen sind, um leben zu können. Und sie erinnert uns gerade durch das Bewusstwerden unseres Menschseins hindurch an nichts weniger als an die Mitte unseres Glaubens: daran, dass Gott selbst Mensch geworden ist! Er hat unser Leben mit uns geteilt, mit all seinen Angewiesenheiten und Begrenzungen, Befreiungen und Wandlungen, Bedrohungen und Hinfälligkeiten, bis hin zum Tod – und durch seine Liebe in die Auferstehung hinein. Dieser mit Haut und Haaren teilnehmende Gott mitten in der Realität unseres Lebens ist in der Tat das Zentrum unseres Glaubens.

Von hier aus ist es eine logische Konsequenz, im „täglichen Brot “auch die Eucharistie zu sehen. Gott ist nicht nur vor über 2000 Jahren Fleisch geworden. Seine Menschwerdung, mit allem, was dazugehört, wird heute real vergegenwärtigt! In der Eucharistie wird seine Liebe heute Leib, Fleisch und Blut für uns, um uns mit Fleisch und Blut, mit Leib und Seele in seine Freundschaft aufzunehmen.

So ist die Bitte um das tägliche Brot gewissermaßen umkreist von den anderen Bitten. Diese formen unser Herz zu einer offenen Schale, um die Gaben Gottes zu empfangen, vor allem die größte aller Gaben: die leibgewordene Liebe Gottes, die die Materie nicht scheut, um in uns Gestalt zu finden.

Beim Empfangen des „täglichen Brotes “(verstanden in der ganzen Tragweite seiner Bedeutung, einschließlich der Eucharistie) empfangen wir eben nicht eine Ware, wir werden berührt vom Willen Gottes, um dessen Geschehen wir gebetet haben. Dieser Wille will uns leben lassen in Fülle, „wie im Himmel, so auf Erden, und gibt uns, was wir dazu brauchen. Das bezieht sich schon auf die natürliche Nahrung, erst recht auf die Eucharistie, in der der Wille des Vaters uns zur Speise geworden ist, wie er Jesus Speise war. In ihm geht der Himmel in die Erde ein und erneuert uns in der Kraft seiner Barmherzigkeit.

Beim vertrauensvollen Empfangen seines Leibes und Blutes kommt sein Reich in uns an, um das wir gebetet haben, in dem seine Mensch gewordene Liebe herrscht. Es kommt in uns an, mitten in der Konkretheit alles dessen, was wir erleben, erwartet in Dankbarkeit für alles, was uns zum Leben dient, und vor allem erwartet mit der Freiheit des vertrauenden Herzens.

Beim vertrauensvollen Empfangen seiner leibgewordenen Liebe wird der Name unseres Vaters im Himmel geheiligt und wir werden von allem befreit, was sein Angesicht auf dieser Welt verdunkelt.

Herr, Du Brot des Lebens, Du Leib gewordener Wille Gottes, der LEBEN für uns will, Du Mensch gewordene Liebe, die immer wieder anklopft, um in dieser Welt zu herrschen, geheiligt und angebetet werde Dein Name!

 

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Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden

 

In wenigen Tagen werden wir es in der Liturgie wieder hören: „Vater, nimm diesen Kelch von mir, aber nicht mein, sondern Dein Wille geschehe.“ Dieses Gebet sprach Jesus im Garten von Gethsemani am Abend vor seinem Tod, als Todesangst ihn überkam wegen des bevorstehenden Leidens und Sterbens. Vermutlich hat dieser Satz mit dazu beigetragen, dass sehr viele Christen sich unter dem Willen Gottes fast reflexartig schweres Leid vorstellen.

Aber welchen Sinn hätte es, täglich um Leid zu bitten, wenn wir im Vaterunser beten: Dein Wille geschehe? Welchen Sinn hätte eine solche Bitte in unserem wichtigsten Gebet, in dem es um die Heiligung von Gottes Namen geht, um das Kommen seines Reiches, für das wir offen bleiben wollen u.s.w., also alles Dinge, die LEBEN bedeuten? Was sollte da eine Bitte um Leid?

Wie im Himmel, so auf Erden. Im Himmel leidet niemand. Also kann diese Bitte sich nicht auf schweres Leid beziehen. Im Gegenteil! Wir erbitten nichts weniger als den Himmel auf Erden!

Wie geschieht Gottes Wille im Himmel? Kein Auge hat es gesehen, aber unsere Intuition und unser Glaube sprechen von Liebe, von Fülle, von Leben pur, ewig, unzerstörbar, von Hingabe, von der Bewegung der Liebe in Gott selbst, der die Liebe selbst ist. Es sind Umschreibungen für das, was wir nicht fassen können, in unserer tiefsten Sehnsucht aber erahnen.

Gottes Wille ist Gott selbst, sagt Mechtilde de Bar. Die Heilige Schrift sagt uns: Gott ist Liebe. Ja, wir können sagen: Gottes Wille ist Liebe. Nichts ersehnen wir im Leben so sehr wie Liebe, von der Wiege bis zur Bahre. Wie kann Liebe schweres Leid für den Geliebten wollen?

Gott Vater wollte für Jesus ganz sicher nicht schweres Leid. Aber Vater, Sohn und Heiliger Geist wollten in ihrer unendlichen Liebe die Erlösung des Menschen. Und der Mensch konnte nur durch diese Liebe, die Gott selbst IST, erlöst werden. Liebe nimmt Anteil, und zwar ganz, Liebe geht mit, Liebe wirbt um das Herz des Geliebten, Liebe neigt sich dem Geleibten zu, Liebe gibt den Geliebten nicht auf, selbst wenn genau das für den Liebenden Leid bedeutet, Liebe verzeiht und kennt noch im tiefsten Abgrund Barmherzigkeit. Wir stehen mit diesen Aussagen, die niemandem von uns fremd sind, mitten im Kreuzesgeschehen…

Jesu menschliche Natur bäumte sich gegen das bevorstehende Leid auf. Der Mensch ist ja nicht zum Leiden geschaffen, und wie sollte das nicht gerade Jesus spüren in seiner unverdorbenen menschlichen Natur! Aber durch diese Bedrängnis hindurch, durch das unvorstellbare Ringen angesichts des Leidens gibtJesus den leidenden Menschen, mit dem er nun leidend und sterbend mitgeht bis zum Tod, dem erlösenden Willen Gottes anheim, der gerade in dieser Liebeshingabe zum Ausdruck kommt.

Wie kann der Himmel auf Erden sein, die so bedrängt ist von Leid, Ungerechtigkeit, Schmerz, Tod? In der Barmherzigkeit. Gottes Wille geschieht auf Erden wie im Himmel, wo Menschen sich der Barmherzigkeit öffnen und Vergebung erfahren, von Gott und voneinander, wo sie neu anfangen können. Dort spiegelt sich der Himmel auf Erden wider, wo in unserem Umgang miteinander sich Gottes Umgang mit uns spiegelt.

Ja, das wäre natürlich schon ein Hauch Himmel auf Erden. Wir sind noch weit entfernt davon. Aber gerade deswegen bitten wir ja darum! Tun wir es in diesen österlichen Tagen besonders.

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Dein Reich komme

„Hier herrscht eine gute Atmosphäre“, sagen wir gern, wenn wir uns irgendwo wohlfühlen. Oder: „Dort herrscht ein guter Geist“. In solchen Sätzen schwingt eine tiefe Sehnsucht nach einer solchen Art von „Herrschaft“ mit. Aber wer oder was herrscht“ da genau? Und worin besteht dieses Herrschen? Irgendwie wissen wir das alle, man muss es nicht groß erklären. Es ist mehr als Stimmung, es sind Menschen, die offen füreinander sind, es ist eine personale Kraft, die in und zwischen den Menschen zu spüren ist, eine Kraft, die Menschen in gelungenen, von Respekt und Wertschätzung getragenen Beziehungen miteinander kommunizieren lässt -–trotz Unterschiede, trotz Meinungsverschiedenheiten, trotz Fehler der Einzelnen.

Beziehungskraft – ja, das ist es! Wenn wir beten „Dein Reich komme“, ersehnen wir genau das und erbitten zugleich unendlich mehr. Genau das, weil in Gottes Reich nichts anderes herrscht als Liebe -– nach der wir uns zutiefst sehnen. Liebe ist Beziehungskraft, die leben lässt. Und unendlich mehr, weil „Liebe“ unendlich mehr ist als das, was wir bewusst ersehnen, erahnen und erbitten.„ Gott ist Liebe.

Die alten Götter, an die die Menschen glaubten, hatten in der Vorstellung der Menschen ihr je eigenes Reich: ein Land, einen Bereich, für den sie jeweils zuständig waren, ein Volk, klar eingegrenzt. Mit unseren modernen Göttern, ob sie Geld, Internet, das Allerneueste vom Neuem,  Ansehen, Fußball, Musikstar XY oder wie auch immer heißen, ist es genau so: klar eingegrenzt, klar zuständig für die, über die sie herrschen. Das ist ihr „Reich.

Der Gott, an den wir Christen glauben, ist universal. Liebe lässt sich nicht eingrenzen. Das Reich eines solchen Gottes, der Liebe ist, kann nur universal sein. In einem solchen Reich kann nur Liebe herrschen. Liebe als grundsätzliche Bejahung des Anderen, als Kraft, die wachsen lässt, als bedingungsloses Zueinander-Stehen, als gegenseitige Anteilnahme. Und genau das schenkt uns Gott zuerst, von sich aus. Er schenkt sich selbst. Restlos. So weit, dass er Mensch wird.

Dein Reich komme. Sind wir uns immer bewusst, wie gewaltig diese in vollem Vertrauen ausgesprochene Bitte ist? Sind wir bereit, dieses Reich auch anzunehmen, nachdem wir darum gebetet haben? Wir wissen es genau: Kein Tag vergeht, in dem wir nicht in Versuchung geraten, es abzuweisen –-  wenn es sich leise ankündigt.  Und wie kündigt es sich an? Klein, unscheinbar, heute vielleicht mit dem zaghaften Lächeln des behinderten Nachbarn. Morgen mit der Bitte einer lästigen Kollegin. Übermorgen mit einer Nachricht, die mich erst einmal aus der Bahn wirft… Sind unsere Ohren so frei, dass wir dahinter die Stimme hören können: „Fürchtet euch nicht, ich bin es!“? Und es gibt noch unendlich mehr Klopfzeichen!

Jede Gebetszeit, für die wir uns frei machen, ist ein solches Klopfzeichen. In einem stecken wir mittendrin: die österliche Bußzeit, in der wir uns auf die Feier des Todes und der Auferstehung Jesu Christi vorbereiten. „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten…“ (Offb. 3,20)

Dein Reich komme!“ Herr, lass uns die Zeichen Deines Reiches erkennen. Und lass uns demütig genug sein, sie anzunehmen und gelten zu lassen.

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Geheiligt werde Dein Name

Kaum ein Wort aus der Hl. Schrift drückt so treffend die Haltung der Anbetung aus, wie diese vier Worte aus dem Vaterunser: Geheiligt werde Dein Name. Sie gehören zu den am meisten gebeteten und am wenigsten verstandenen. Jesus sprach sie, als er seine Jünger beten lehrte, und sein eigenes Gebet zum Vater wird ähnlich gewesen sein. Seine Freunde und Jünger sprachen sie, die Christen aller Zeiten, Konfessionen, Länder und Kulturen sprachen und sprechen sie bis heute.

Wenn Gottes Name geheiligt werden soll in unserem Leben, müssen wir den Namen auch irgendwie kennen. Wie heißt Gott denn? Im Buch Exodus lesen wir es: „Ich bin der Ich-bin“. Oder auch: „Ich bin der Ich-bin-da.“ Beides ist wohl gemeint mit dem Namen Jahwe: Der Gott, der einfach IST, der er ist, und der als solcher da ist, gegenwärtig in unserem Leben, auf der Suche nach unserer Gemeinschaft.

Eines fällt gleich ins Auge, wenn wir in der Heiligen Schrift die Stellen betrachten, an denen von der Heiligung von Gottes Name die Rede ist: Wie in einem Atemzug ist dabei auch von der Befreiung des Menschen die Rede. Überzeugen Sie sich selbst! Das ist gleich am Anfang so, im Buch Exodus. Gott stellt sich mit seinem Namen vor, als Er dem Mose am brennenden Dornbusch seinen brennendsten Wunsch und Plan offenbart: das geknechtete Volk der Israeliten aus Ägypten zu befreien. Viel später wird das Neue Testament sagen: „Gott ist Liebe“. Gott kann nicht anders als leibhaftig Anteil zu nehmen am Schicksal seines geliebten Menschen. Nicht, weil Er es sich vorgenommen hat, sondern weil es sein Wesen ist! „Ich bin der ICH-BIN-DA“.

Es ist wohl kein Zufall, wenn im Vaterunser die Bitte um die Heiligung von Gottes Namen und die Bitte um unsere Befreiung den Rahmen der sieben Bitten dieses Grundgebetes der Christenheit bilden. Die Heiligung von Gottes Namen ist unsere Befreiung, die Befreiung des Menschen heiligt Gottes Namen in dieser Welt. Irenäus meint es wohl ähnlich, wenn er sagt: „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch, das Leben des Menschen aber ist es, Gott wahrzunehmen.“ In diesem Rahmen ereignet sich unser Beten und Leben …

Gottes Name wird in unserem Leben geheiligt, wenn wir uns von Ihm befreien lassen, wenn wir ihm zutrauen, dass Er uns befreit. Wie aber kann ich mich befreien lassen? Und wovon? Oder besser: wozu?

Wozu befreit werden? Zu was möchten Sie denn befreit werden? Was soll in Ihrem Leben herausgeschält, freigesetzt, entfaltet werden? Was würden Sie gern an der Schwelle des Todes in die Ewigkeit mitnehmen –- das Eine Notwendige, das Sie dann gelebt haben wollen?

Wovon befreit werden? Was hindert Sie daran, das zu leben, was Sie zutiefst ersehnen? Wo haben Sie das Gefühl, irgendwie noch nicht Sie selber zu sein? Worüber stolpern Sie ständig?

Wie befreit werden? Eigentlich ist die Antwort auf die Frage, wie ich mich befreien lassen kann, sehr einfach: indem ich ganz schlicht darum bitte -– wie Jesus es lehrt. Und dann Augen und Ohren weit öffnen, um konkrete „Hilfsangebote“ im Alltag zu erkennen und anzunehmen, und mitgehen. Und ganz wichtig: dem, der mich befreien will, nicht davonlaufen! Immer wieder Zeit freihalten für Ihn! Aushalten bei ihm! Immer wieder hören auf sein Wort! Zulassen, dass Er mir nahe kommt…

Eucharistische Anbetung und Lectio Divina sind privilegierte Orte dafür. Warum? Weil ich mich dort nicht einfach nur irgendwie versenke, sondern weil ich mich dort dem Gott aussetze, der sich so weit hinausgelehnt hat, ja der so weit herabgestiegen ist, um mir zu begegnen und mich zu befreien. Ich sage zu diesem leibhaftig gegenwärtigen Gott wirklich DU! Ich sage es nicht nur, ich bin es immer mehr, dieses Wort: DU! –– dieses Seufzen nach Ihm. So wie auch Er in der Eucharistie sich nicht nur weit hinauslehnt, sondern ganz Hingabe ist. Und ich werde befreit zu mir selbst, bis ich – als sein Abbild – auch schlicht sagen kann: Ich bin der/die ich bin.“ Nur als solche/r kann ich dieses unfassbare DU Gottes, in Jesus Christus mir so nahe gekommen, anbeten.

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Vater, unser im Himmel

Das Vaterunser, ein durch und durch biblisches Gebet, das auf Jesus selbst zurückgeht, möge uns in der nächsten Zeit beschäftigen. Ich schlage vor: Beten Sie es ganz langsam. Bleiben Sie immer wieder bei einzelnen Worten stehen. Lassen Sie es zu Ihrem Herzen sprechen und sprechen Sie mit diesem Gebet Gott von Herzen an. Fragen Sie sich, welche innere Haltung diesem Gebet entspricht, die Ihren Alltag beseelen kann.

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Vater unser

 Was bedeutet es mir, Gott ansprechen zu können -– als DU? Welchen Unterschied empfinde ich, wenn ich Gott anspreche, bzw. mich auf seinen An-spruch einlasse, als wenn ich irgendetwas „für mich“ meditiere?  Welche Erfahrungen und welche Sehnsucht verbinde ich mit dem Wort „“Vater“?“ Wann habe ich Gott wirklich als „Vater“ empfunden und entsprechend mich selbst als sein Kind?

 Vater unser

 Wenn ich „Vater unser“ sage – wen meine ich eigentlich mit „„unser““? Wen meinte wohl Jesus damit? Welchen Platz haben in meinem Herzen in der Anrede „Vater unser“ die Menschen, die ich überhaupt nicht mag? Kann ich ihnen gönnen, dass Gott sie genau so liebt wie mich? Wenn ja -– wann habe ich Gott zuletzt für diese Haltung gedankt? Wenn nicht – – wann habe ich Gott zuletzt um diese Haltung gebeten?

 Welche Rolle spielt in meinem Beten und in meiner Gottsuche die Gemeinschaft der Gläubigen, die Kirche? Wo erlebe ich in besonderer Weise diese Gemeinschaft (Communio)? Kann ich sie auch glauben, wenn mich ihre Schwächen nerven -– und ehrlichen Herzens „ Vater unser“ sagen? Wo und wann kann ich mich für sie einsetzen,  mich mit meinen Gaben zu ihrem Wohl einbringen, zu ihrem Aufbau beitragen?

 im Himmel

Was ist „“Himmel““ für mich? Wofür steht dieses Wort, wenn ich „Vater unser im Himmel“ sage? Welche Sehnsucht weckt es in mir? An welche Momente in meinem Leben kann ich mich erinnern, in denen es mir vorkam, als würde ich den Himmel auf Erden erleben? Was war es eigentlich, was mir dabei so „himmlisch“ vorkam? Was ist davon geblieben? Was würde ich gern am Ende meines Lebens gelebt haben? Wovon hätte ich gern, dass es bliebe und nicht verloren ginge? Was davon ist jetzt schon da und lässt sich jetzt schon leben? Wo entdecke ich in meinem jetzigen Alltag, hier und jetzt, den „offenen Himmel“ über mir oder gar in mir?

 Wenn ich sage „“Vater unser im Himmel““ – – wo stehe ich dann? „“Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz““, sagt Jesus (Lk 12,34). Könnte ich behaupten dass „unser Vater im Himmel“ mein Schatz ist? Wo ist mein Herz, wenn ich ihn so anspreche?

 Vater unser im Himmel Welche anderen Texte aus der Heiligen Schrift fallen mir ein, in denen von Gott als Vater, von uns als seinen Kindern und untereinander als Schwestern und Brüder, vom Himmel die Rede ist?

Wie empfinde ich es jetzt, wenn ich sage „Vater unser im Himmel“?

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Wie hat Maria gebetet?

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Wie hat Maria eigentlich gebetet? Die Bibel spricht wenig davon. Eigentlich kennen wir nur Marias Worte, die sie zu dem Engel bei der Verkündigung sagte, und die Worte des Magnificats. Vielleicht kann man das Wort, das sie an Jesus in der Hochzeit zu Kana richtete, auch als Gebet bezeichnen. Ansonsten deutet die Heilige Schrift an, dass sie das kontemplative Gebet kannte. „Maria bewahrte alles, was geschehen war und erwog es in ihrem Herzen“, heißt es an mehreren Stellen des Lukasevangeliums. Es war sicher mehr als ein bloßes Nachdenken.

Kannte Maria auch das Vaterunser? Hatte Jesus ihr dieses Gebet beigebracht oder hat sie Jesus es beten hören? Betete sie es selber? Die Bibel verrät es uns nicht. Aber wenn Jesus dieses Gebet lehrt, lehrt er damit die angemessene Haltung des Betens vor Gott überhaupt. Und die hatte Maria ganz sicher.

Natürlich hatte es Maria nicht nötig, um Vergebung ihrer Schuld zu bitten. Sie hatte keine. Aber das heißt nicht, dass sie nicht von Gottes Barmherzigkeit lebte. Gerade sie lebte doch total davon! Nicht Perfektion war es, was sie ausmachte – Gottes Barmherzigkeit hatte sie vom ersten Moment ihrer Existenz an überschwemmt und erfüllt! Von Anfang an gab es zwischen Gott und ihr nichts, was sie daran gehindert hätte, Gottes unendliche, bedingungslose Liebe aufzunehmen. Der Satz wirft auch gleich wieder neue Fragen auf – warum sie und wir nicht? – , aber diese Frage stimmt so nicht.

Gleich merken wir: Diese gleiche Barmherzigkeit Gottes gilt auch uns, sie wurde ja schließlich Fleisch und Blut für uns – in Jesus Christus, durch Maria. Es ist Zeit für uns, uns zu öffnen und wie Maria als österliche Menschen auch total von dieser Barmherzigkeit zu leben! Nichts anderes will Gott von uns, als dass sie Raum in uns bekommt und stark und wirksam in uns wird – und durch uns gerade auch für die, die mit uns noch „offene Rechnungen“ haben.

Dieser barmherzige Wille Gottes war es, der Maria bereitete, der ihr Herz zu einer Schale formte, um die kostbarste aller Gaben aufzunehmen: Sein Brot des Lebens, sein Fleisch gewordenes Wort, Jesus Christus, den Retter der Welt.

 

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